Strahlenschutz-Grenzwerte in Liechtenstein: Mit Vollgas in die falsche Richtung?

Geschwindigkeit ist alles – wenn man den Netzanbietern Glauben schenken darf, und gemeint ist damit klarerweise die Verbindungsgeschwindigkeit. Nicht zuletzt durch mobile Anwendungen wird der Datenverkehr im Internet zunehmend intensiver. Mit diesem Faktum werden dann frech die geltenden Strahlenschutz-Grenzwerte zu fortschrittsfeindlichen Geschwindigkeitsbegrenzern auf der heiligen Datenautobahn herabgewürdigt – und der Hinweis auf mögliche Gefahren für Mensch und Natur überhaupt als unwissenschaftliche Panikmache dargestellt.

Was passiert aber, wenn wissenschaftliche Studien die Krebsgefahr durch Mobilfunk auch unterhalb der geltenden Grenzwerte nahelegen?

Erinnern wir uns an das Fallbeispiel der REFLEX-Studie(n), heute wieder aktuell durch sein gerichtliches Nachspiel. Im Jahre 2005 publizierte die klinische Abteilung für Arbeitsmedizin an der Medizinischen Universität Wien eine Studie mit dem Titel „Non-thermal DNA breakage by mobilephone radiation (1800 MHz = GSM) “, eine Studie zu UMTS (1950 MHz) folgte: Ratten wurden einem Karzinogen sowie Mobilfunkstrahlung unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte ausgesetzt. Das führte zu massiver Tumorbildung im Vergleich zu beiden Kontrollgruppen mit und ohne Karzinogen.

Der spätere „Grossinquisitor“ in diesem Wissenschaftsthriller, Herr Prof. Dr. Alexander Lerchl von der privaten Jacobs University in Bremen (bis Ende 2012 Vorsitzender der deutschen Strahlenschutzkommission für nicht-ionisierende Strahlung!), hatte die Brisanz der Studie sogar selbst in seinem Buch (Fälscher im Labor und ihre Helfer, S. 43) wie folgt hervorgehoben: „Die Ergebnisse von Diem et al. waren also in der Tat Besorgnis erregend. Sollten sie sich bestätigen, wäre dies nicht bloss ein Alarmsignal, sondern der Anfang vom Ende des Mobilfunks, da DNA-Schäden die erste Stufe zur Krebsentstehung sind“.

Eilig wurde von der Mobilfunk-Lobby die Strategie des Rufmordes zur Ausmerzung der ungewollten Erkenntnis umgesetzt und der Vorwurf „Datenfälschung“ erhoben. Bereits 2007 wurde der Rektor der Universität Wien von Prof. Lerchl mit dieser Unterstellung konfrontiert, 2008 dann der Rat für Wissenschaftsethik mit der Causa befasst (dessen Vorsitzender sich als ein Angestellter der Telekommunikationsindustrie herausstellte und wegen Befangenheit abgelöst werden musste) und im September 2009 wurde gar ein Workshop an der Urania Wien mit dem Titel „Seriöse Forschung oder Junk-Science? Qualitätsstandards wissenschaftlichen Arbeitens in der Mobilfunkforschung“ organisiert (samt Medienkampagne bis ins Jahr 2011)!

Es blieb trotz allem beim Rufmordversuch. Denn mittlerweile ist die Studie rehabilitiert und gilt als korrekt erhoben, während Prof. Dr. Lerchl zu einer Geldbusse in vierstelliger Höhe verurteilt wurde (13.03.2015 vom Landgericht Hamburg, nicht rechtskräftig). Darüber hinaus reproduzierte er die Ergebnisse in einer eigenen Studie und publiziert sie sogar selbst – natürlich nicht ohne die daraus zwingend erwachsenden Konsequenzen weiterhin in Frage zu stellen und auf künftige Forschungen zu verweisen.

Dieses Beispiel belegt, dass die Mobilfunkindustrie ihre Lobbyisten nicht nur in Politik und Medien, sondern auch im Bereich der Wissenschaft auf ihrer Lohnliste weiss. Ausnahms- und glücklicherweise ging diese Nebelgranate nach hinten los.

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2 Gedanken zu „Strahlenschutz-Grenzwerte in Liechtenstein: Mit Vollgas in die falsche Richtung?

  1. In diesem Beitrag wird über mich ausgesagt, dass ich vom Landgericht Hamburg zu einer vierstelligen Busse verurteilt wurde. Diese Aussage ist falsch. Weiter kann dort gelesen werden, ich hätte die „REFLEX“-Ergebnisse reproduziert. Auch diese Aussage ist falsch.

    • Lerchls Dementi, eine als „Gegendarstellung“ verkleidete Kritik an redaktionellen Ungenauigkeiten besagten VGM-Artikels, greifen wir dankend auf. Die Replikation der Studienergebnisse bezog sich tatsächlich auf die Studie von Tillmann (2010), und nicht auf die REFLEX-Studien. Leider bleibt festzustellen, dass all diese Studien zu dem selben beunruhigenden Ergebnis kommen. Sie zeigen, dass Tumore unter permanenter Einwirkung von Mobilfunkstrahlung beste Lebensbedingungen vorfinden und daher messbar wuchern! Dem ambitionierten Hobby-Naturwissenschafter sei Lerchls Studie ans Herz gelegt, die man gegen den Unkostenbeitrag von $41,95 als pdf erwerben kann. Das Landgericht Hamburg kam übrigens zu dem Schluss, dass die Beklagten Prof. Dr. Alexander Lerchl und die Lj-Verlag OHG es – bei Androhung von Ordnungsgeld in zahlreichen Einzelpunkten (je bis zu € 250.000,–) oder bei Uneinbringlichkeit Ordnungshaft (höchstens zwei Jahre) – zu unterlassen haben, weiter ihrer verleumderischen Lobbyarbeit nachzugehen. Die eventuelle Strafhöhe hängt somit ausschliesslich von Lerchls weiterem Vorgehen ab. Die Prozesskosten von € 60.000,– tragen die Beklagten zur geteilten Hand.

      Jetzt können die Details dieser Schmierentragödie endgültig in Vergessenheit geraten – wobei die Basisinformation erhalten bleibt: Mobilfunk fördert Krebs und Dr. Lerchl lag von Anfang an falsch.

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